Fehlgeburt – was nun? Wir zeigen dem Schicksal den Stinkefinger! Teil 1

Fehlgeburt – was nun? Wir zeigen dem Schicksal den Stinkefinger! Teil 1

20. Juli 2017 0 comment

Fehlgeburten gehören (leider) zum Leben wie das Kinderkriegen selbst!

Das sage ich mir seit April fast täglich und dennoch ist es bei mir immer noch nicht zu 100% angekommen – aber ich arbeite daran! In diesem Satz liegen eigentlich so viel Realität und Sachlichkeit, dass man es als Betroffene kaum ertragen kann und doch hat er mir von Anfang an geholfen, besser zu begreifen, was uns da im April diesen Jahres passiert ist. Etwas, über das selbst im Jahre 2017 immer noch kaum oder sehr ungern gesprochen wird, obwohl doch so viele davon betroffen sind.

Unsere eineiigen Zwillinge G&L sind Ende der 20. SSW natürlich zur Welt gekommen. Viel zu früh und nicht überlebensfähig, ohne nachweisbaren Grund, einfach so. Die finale Diagnose des Oberarztes nach einer Nacht Wehen- und Seelenschmerz war kaum zu akzeptieren und doch irgendwie erleichternd. In der in diesem Moment benötigten Sachlichkeit (für dem ich ihm sehr dankbar bin) erklärte er uns: „Sie müssen die beiden jetzt zur Welt bringen UND Sie haben keine Schuld daran!” Wir verabschiedeten uns in aller Stille von unseren beiden Mädchen, die dann aufgrund der bereits fortgeschrittenen Geburt, nur zwei Stunden später geboren wurden.  Zwei kleine Kämpferinnen, die nach medizinischen Gesichtspunkten zwar „tot“ geboren wurden, aber dennoch beide nach der Geburt, laut Hebamme, letzte Reflexe zeigten. Es war der erhabenste und bis dahin schönste Moment in unserem Leben!

Wir zeigen dem Schicksal den Stinkefinger!

Wir haben uns danach immer die Frage gestellt: „Wenn es rein hypothetisch, die Möglichkeit gäbe, die Uhr noch einmal zurückzudrehen und alles unvergessen zu machen, würden wir es dann tun?“ Die Antwort ist bis heute immer dieselbe: „NIEMALS“! Denn trotz all dem Schmerz und der Trauer überwiegen diese besonderen Momente voller warmer Erinnerungen, der Stolz zwei Kinder im Herzen zu haben und das Gefühl der Dankbarkeit, Teil von etwas ganz Großem und besonderen gewesen zu sein! Natürlich kommt diese Erkenntnis nicht über Nacht! Es ist Arbeit und zum aktuellen Zeitpunkt immer noch ein Kampf, manchmal jeden Tag aufs Neue! Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man den Kampf merklich immer häufiger gewinnt 😉!

Für uns wird das Thema mehr und mehr zu einem festen Bestandteil des „Lebenszaubers“. Umso schräger und unverständlicher also für mich, dass gerade die nicht-betroffene Gesellschaft dem Thema weniger aufgeschlossen gegenübersteht und es anscheinend „stärker verdrängt“ als diejenigen, die es selbst erlebt haben. Immer wieder habe ich in den letzten Monaten dezidiert nach Erfahrungsberichten zum Thema Fehlgeburt, Totgeburt oder Kindstod gesucht. Trotz der mittlerweile wahnsinnig großen Vielfalt an Mama-Lifestyle-Blogs war die „Ausbeute“ mehr als gering (da ich mit Foren nichts anfangen kann, lasse ich diese bewusst außen vor) und meine Enttäuschung daher unbandig groß. Ich stelle mir also zwangsläufig und ganz wertfrei die Frage:

„Warum wird das Thema Fehlgeburt heute (immer noch) tabuisiert?“

Vielleicht, weil Schwangerschaft immer etwas Einzigartiges und Erfüllendes ist bzw. sein sollte! Und es sich daher auch von selbst versteht, schwangere Frauen nicht unnötig mit solch schwierigen Themen zu konfrontieren!

Weil eine „normale“ und erfolgreiche Schwangerschaft aufgrund des Medizinischen Fortschritts mittlerweile schon als etwas Selbstverständliches angenommen wird?! In einer Welt, in der das medizinisch Unmögliche mittlerweile fast möglich ist?!

Oder, weil das Thema nicht in unsere leistungsorientierten Gesellschaft passt? Scheitern, bei einer Sache, die unsere Vorfahren vor Jahrmillionen schon zwischen Feuer machen und Jagen auf die Kette bekommen haben?! Die Gründe für eine Fehlgeburt sind häufig unbekannt und somit suchen viele Frauen die Schuld bei sich selbst.

Man schämt sich, öffentlich oder auch privat darüber zu sprechen. Schließlich scheint man ja eine der Wenigen zu sein, bei denen es nicht klappt! Alle anderen im Freundeskreis bekommen ja (scheinbar) mühelos Kinder! Und diejenigen, bei denen es nicht „klappt“, die schon einmal einen Abgang, Fehlgeburt oder Ähnliches hatten, sprechen aus eben benannten Gründen nicht darüber – Teufelskreis?!

Vielleicht, weil einige immer noch denken, dass die schnelle Rückkehr in den Alltag und Ablenkung die einzigen Allheilmittel für Betroffene sind. Warum diese Personen unnötig mit Rückfragen oder Beileidsbekundungen belasten?! Ist es nicht besser, einfach jegliches Gespräch oder aufkeimende Erinnerung an das Geschehene von ihnen fernzuhalten?!

Weil es einfach wahnsinnig schwierig ist für Nicht-Betroffene, über ein solches Thema zu sprechen. Findet man die richtigen Worte, gibt’s die eigentlich, diese richtigen Worte? Wie umgehen mit der Freundin oder dem Kumpel beim anstehenden Freitagabend Treffen? Sonst dienten diese immer dazu, sich den eigenen Frust von der Seele zu reden oder von Alltagsproblemen abzulenken, die einem plötzlich so lächerlich vorkommen. Möchten sie überhaupt drüber sprechen oder wäre es ihnen lieber, das Thema nicht zum 150-mal durchzukauen?

Und selbst als Betroffene, mache ich mir Gedanken, ob ich heute, hier in diesem Beitrag, die richtigen Worte, die richtige Sichtweise und den richtigen Ton treffe! Jeder Mensch ist anders und entsprechend auch seine Weise zu verarbeiten. Daher mein einfacher Tipp für Familie und Freunde: Offen fragen! Aus Erfahrungen weiß ich, dass man am Anfang noch nicht so ganz abschätzen kann, was einem tatsächlich gut tut. Möchte ich darüber sprechen oder nicht, kann ich dem gegenüber das zumuten etc. Habt daher Geduld mit den Betroffenen und fragt auch Monate später noch einmal unaufdringlich nach (ehrliches Interesse vorausgesetzt ;-). Das muss nichts tiefgreifendes sein, signalisiert aber, dass auch das Umfeld nicht so schnell vergessen hat.

Einige der oben benannten Punkte haben mich wirklich kurz zweifeln lassen, ob dieser Blog der schönen Dinge, zwischen stylischen Babystrampler und Einrichtungstipps rund ums Kinderzimmer, wirklich das richtige Medium ist, um über meine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse nach der Fehlgeburt zu sprechen? Sicherlich gibt es geeignetere Plattformen, aber schlussendlich ist es doch egal, wo man darüber spricht, Hauptsache man tut es auf eine respekt- und rücksichtsvolle Weise!

Und das werde ich in den nächsten Monaten immer wieder versuchen und über das berichten, was danach passiert ist. Über schöne, lustige und erschreckende Dinge auf die einen keiner vorbereitet. Tolle Dinge und Menschen, die ich ohne die Fehlgeburt nie kennengelernt hätte und Ventile (ausser dem Stinkefinger ;-)), die uns helfen das Geschehene Stück für Stück in unser Leben zu integrieren.

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