Fehlgeburt verarbeiten Foto by Tessa Rampersad on Unsplash

Fehlgeburt – was nun? Von überzogenen Erwartungen, auferlegten Mantras und Dingen, die mir in dieser Situation tatsächlich geholfen haben! Teil 2

27. Mai 2018 0 comment

Ich kann euch gar nicht wirklich sagen, ob die letzten 13 Monate eher schnell oder langsam vergingen. Aber unerwarteterweise vergingen sie irgendwie und das dann auch noch schneller als gedacht! Mein Mann hat auf der Suche nach neuem Antrieb und Motivation den Job gewechselt, ich habe mir ein halbes Jahr Sabbatical „gegönnt“ und dabei Of Minis and Monsters ins Leben gerufen. Die Hauptarbeit der letzten Monate fand jedoch in unseren Köpfen statt. Ja, es waren wohl die bisher anstrengendsten und gefühlsmäßig intensivsten Monate in unserem Leben. Wir haben viel über uns, unsere Beziehung, aber auch den Umgang mit anderen gelernt. Wir haben neue Wege eingeschlagen, um festzustellen, dass es trotz neuem Antrieb und erster Euphorie wahnsinnig kräftezehrend ist, durchzuhalten und weiterzugehen.

Jetzt, ein Jahr später und erneut schwanger 😉 (ja tatsächlich, ihr lest richtig – dazu später mehr!) wuchs das Bedürfnis, mir nach dem ersten Erfahrungsbericht noch einmal einiges von der Seele zu schreiben und angestauten „Verarbeitungsdruck“ loszuwerden. Aber auch, um mich noch einmal etwas für die anstehende, neue Schwangerschaft zu sortieren. Schließlich muss ich es schaffen, beide Geschichten final voneinander zu trennen, so wenig wie möglich miteinander zu vergleichen, um dem neuen, kleinen Leben so viel Kraft und positiven Gedanken wie möglich schenken zu können!

Wo stehe ich heute, welche Gedanken und Illusionen haben mich in den letzten Monaten begleitet und immer wieder beschäftigt? Welche Erfahrungen (positiv wie negativ) habe ich gemacht und was hat mir auf meinem Weg der Verarbeitung (der immer noch andauert) bis heute besonders geholfen bzw. gutgetan?

Wenn es eine allgemeingültige Formel für die erfolgreiche Verarbeitung einer Fehlgeburt bzw. den Verlust eines Kindes gäbe, glaubt mir, ihr würdet sie genau hier finden! Doch das eine Rezept gibt es nicht, genauso wenig wie den einen Typ Mensch. Was ich damit sagen möchte: Ihr findet hier MEINE ganz persönlichen Wahrnehmungen und Erkenntnisse aus den letzten 13 Monaten, die MIR geholfen haben bzw. weiterhin helfen, proaktiv zu verarbeiten. Vielleicht erkennt ihr euch oder eine Situation wieder und möchtet eure Erfahrungen ergänzen? Ich würde mich auf alle Fälle sehr über einen Austausch freuen!

Fehlgeburt verarbeiten Teil 2 Foto cody black unsplash
Photo by Cody Black on Unsplash

Geduldig sein mit sich selbst!

Für mich war und ist dies eine der größten Herausforderungen. Wie oft ertappte ich mich in den letzten Monaten bei dem leichtsinnigen Gedanken, bereits gute Fortschritte in der Verarbeitung gemacht zu haben. Um mich dann im nächsten Moment, unerwartet von einem anschleichenden Gefühl oder einer plötzlichen Erinnerung übermannen zu lassen. Sicherlich passiert dies immer seltener, aber es passiert (weiterhin). Heute mache ich mir diesbezüglich aber nicht mehr so viel Druck und habe akzeptiert, dass die Verarbeitung einer Fehlgeburt eben keinen Timer kennt. Auch wir mussten uns bewusst machen, dass dies eine Aufgabe sein wird, die uns ein Leben lang begleiten wird. Also seid nicht zu streng mit euch! Nehmt das Schicksal an und integriert es in euer Leben – Schritt für Schritt!

Reden und weinen erleichtert die Seele!

So schwer es mir in einigen Situationen fiel, mich aufwühlte oder auch meinen Gesprächspartner gegenüber verunsicherte – offen Sprechen hat mich einfach erleichtert! Ich merkte schnell, dass mich Schweigen mittelfristig innerlich zerreißen würde und proaktive Kommunikation bei mir wie eine Art Ventil funktioniert. Und das Wichtigste: Der Druck auf dieses „Ventil“ wird über die Zeit geringer und die Abstände zwischen den emotionalen Staus, in denen ich manchmal das Gefühl habe emotional zu platzen, größer. Zudem helfen mir bis heute auch diese kleinen stillen Momente, in denen ich mich zurückziehe, mir die Bilder der beiden anschaue oder einfach mal „nur so“ losweine. Denn auch weinen ist ein Ventil, das ungemein entlastet!

Jeder trauert und verarbeitet auf seine Art und Weise!

Ich verarbeite und trauere anders als mein Mann! Das war uns von Anfang an ziemlich klar und keine Überraschung. Damit es in der sensiblen Anfangszeit trotzdem nicht zu Missverständnissen, überzogenen Erwartungen oder gar Enttäuschung kam, haben wir versucht, uns von Anfang an offen über unsere Gefühle und Bedürfnisse auszutauschen. Anfänglich haben wir uns fast täglich gegenseitig gefragt, wonach uns heute ist und was uns gerade jetzt in diesem Moment und an diesem Tag guttun würde.

Meinem Mann war zu Beginn eher nach Ablenkung und familiärer Unterstützung. Mir hingegen war nach Rückzug und Ruhe, um mich selbst zu ordnen und das Geschehene weiter sacken zu lassen. Rückblickend bin ich soooo dankbar, dass wir für uns die richtige Balance zwischen gemeinsamen Austausch und individuellen Freiräumen bzw. Ablenkung und Ruhe gefunden haben.

Das Umfeld nicht vergessen!

Natürlich geht es im ersten Moment um euch und die Stärkung eures Seelenheils! Doch da gibt es auch noch Eltern und Geschwister, die ebenfalls das Recht haben, auf ihre eigene Art und Weise zu trauern und zu verarbeiten. Wir waren in den ersten Monaten nur mit uns und unserer Trauer beschäftigt. Wir haben von unseren Familien erwartet, dass sie uns zuhören, wenn wir reden möchten. Das sie uns ablenken, wenn uns danach ist und das sie uns in Ruhe lassen, wenn wir allein sein wollten. Und sie taten dies nach Kräften. Doch das auch sie das Geschehene und die daran anknüpfende Angst um uns und unsere Zukunft verarbeiten mussten, ging leider die ersten drei Monate komplett an uns vorbei.

Nichterfüllte Trauererwartungen

Oben habe ich es bereits erwähnt: Jeder trauert und verarbeitet individuell. Dies kann auch dazu führen, das eure eigenen Trauererwartung an Familie oder Freunde nicht immer erfüllt werden. Ich weiß wie schmerzhaft und verletzend dies im allerersten Moment sein kann. Dennoch tut mir den Gefallen und seid nicht direkt sauer oder gar wütend auf euren Gegenüber. Unbedarfte oder ausweichende Aussagen sind zumeist keine Absicht, sondern schlicht und einfach Überforderung gemischt mit der Angst etwas falsches zu sagen! Obwohl sich in unserem Fall kaum einer dem offenen Gesprächen mit uns entzog, merkten wir schnell, wem wir eine „Konfrontation“ mit dem Thema zumuten konnten und wem nicht. So absurd die Situation auch klingt, Fingerspitzengefühl und Reflektion hilft auch euch dabei, das Gesagte oder Schweigen des Gesprächspartners nicht falsch zu interpretieren. Um so eine Situation nicht erst entstehen zu lassen, haben wir durch unsere proaktive Kommunikation von Beginn an vielen die Scheu und Ängste genommen, etwas Falsches zu sagen. Krampfhafte Situationen lösten sich so schnell auf und verwandelten sich in offene und erleichternde Gespräche.

Austausch mit Betroffenen

war das Beste was mir passieren konnte! Wenn ich die Wahl zwischen einem Psychiater und einer Selbsthilfegruppe hätte, würde ich jederzeit wieder die Selbsthilfegruppe wählen. Zu sehen, dass ich nicht alleine bin mit meinem Schicksal und den Selbstzweifeln haben mir sehr geholfen. Ich habe hautnah erfahren, wie unterschiedlich Betroffene verarbeiten und welche unterschiedlichen Gedanken und Ansätze sie dabei zugrunde legen. Viele davon brachten mich zum Grübeln und haben dazu geführt, meine eigene Wahrnehmung zu überdenken. Viele neue Denkanstöße waren die Folge. Diese halfen mir dabei, mich selbst weiterzuentwickeln und meinen eigenen Trauerhorizont zu erweitern. Doch vor allem habe ich Dinge aus dem Munde von diesen betroffenen Frauen in der Selbsthilfegruppe wesentlich näher an mich herangelassen und diese eher angenommen, als die Ratschläge von Familie und Freunden. Bis heute treffen wir uns einmal im Monat, tauschen uns über aktuelle Themen genauso aus wie über das Thema das uns glücklicherweise alle zusammenbrachte. Eine dieser absoluten Bereicherungen in meinem Leben, die ich nur diesem Schicksalsschlag zu verdanken habe und für die ich unendlich dankbar bin.

Fehlgeburt verarbeiten foto lukas juhas unsplash
Photo by Lukas Juhas on Unsplash

Ihr habt keine Schuld!

Ein ganz wichtiger Satz, den mir der Arzt kurz vor der Geburt mitgab. Den ich aber leider in den ersten Monaten nach der Fehlgeburt immer wieder infrage stellte. Wie bei den meisten Fehlgeburten konnte in unserem Fall die Ursache nie final ermittelt werden. Für mich wie auch für die meisten Frauen eine nur schwer zu akzeptierende Tatsache.

Anstatt anzuerkennen, dass in diesem Stadium Mutter Natur die Fäden in der Hand hält, gab ich einfach mir die Schuld am Scheitern. Schließlich war ich die werdende Mutter, deren Aufgabe es war, das neue Leben zu schützen und in sich heranwachsen zu lassen. Und das hatte ICH nun mal nicht geschafft! Die Folge: ungerechtfertigte Selbstzweifel und falsche Schuldgefühle. Habe ich mich zu wenig gefreut über die schnelle Schwangerschaft und die Kinder haben meine Ängste und Unsicherheit eventuell gespürt? Habe ich mir beim Schwimmen irgendwelche Bakterien eingefangen oder irgendwelche körperlichen Warnhinweise übergangen? Erst in der Selbsthilfegruppe wurde mir bewusst, dass es allen anwesenden Frauen genauso ging wie mir und genau diese ungerechtfertigte Schuldfrage ein fester Bestandteil des Trauerprozesses ist.

Einen Platz zum Trauern, den man wieder verlassen kann!

Hört sich banal an oder? Sich einen Rückzugsort zu schaffen, an dem man nicht nur seinen Gefühlen und Erinnerungen freien Lauf lassen kann, sondern den Kindern auch besonders nahe fühlt. Das kann ein kleiner „Schrein“ in der Wohnung sein, euer Lieblingsplatz oder einfach auch der Friedhof bzw. das Sternengrab. Uns war bei der Auswahl v.a. wichtig, dass wir diesen Ort nach erfolgter Trauer auch wieder ins Hier und Jetzt verlassen können! Ein Art Schrein oder permanente Gedenkecke mit Fotos in der Wohnung kam für uns daher nicht infrage. Daher haben wir zum einen all unsere Erinnerungen von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zur Beerdigung und all den tollen Briefen von Freunden in einem gemeinsam gestalteten Babybuch festgehalten. Dieses nehmen wir einfach hervor, wenn wir das Bedürfnis haben, uns zu erinnern, zu motivieren oder sie einfach vermissen und etwas trauern möchten. Die zweite Anlaufstelle ist schlicht und einfach das Sternengrab am Münchner Ostfriedhof, in dem die beiden beigesetzt wurden. Hier fühlen wir uns ihnen bes. nahe und besuchen sie regelmäßig, vor allem, wenn wir ihnen irgendwelche wichtigen Dinge mitzuteilen haben oder besondere familiäre Tage anstehen. Es ist ein toller Friedhof mit altem Baumbestand inmitten der Großstadthektik. Für uns ein wichtiger Platz, wie ein kleines Tor zu einer anderen Welt, in die man für kurze Zeit ein- und dann auch wieder auftauchen kann.

Positive Erinnerungen bewahren, pflegen und darüber sprechen.

Eine Aufgabe, die in den ersten Wochen schwierig erscheint, deren permanente Bewältigung aber für uns bis heute das beste Verarbeitungsinstrument überhaupt ist: Die positiven Erinnerungen pflegen, nicht die negativen.
Wie so häufig im Leben hat auch dieses Schicksal zwei Seiten. Wir neigen in der Trauer allerdings häufig dazu, uns zu sehr auf die schmerzhaften Erinnerungen zu fokussieren und nur das Negative zu sehen. Mit vergangener Zeit und vielen Gesprächen merkten wir aber schnell, dass unsere Kinder doch viel mehr für uns waren, als nur ein schmerzhaftes Ereignis. Wir hatten eine aufregende Zwillingsschwangerschaft, in der wir vom ersten Ultraschallbild, hin zu den ersten Kindsbewegungen und Beobachtung ihrer Entwicklungsstufen teil etwas ganz tollem waren, dass wir so wahrscheinlich nie wieder erleben dürfen. Wir haben nur aufgrund dieses Ereignisses viele neue tolle Menschen kennengelernt, Dinge umgesetzt, zu denen wir früher zu bequem waren oder uns der Mut fehlte. Warum sollten wir unsere Kinder also nur mit diesem negativen Ereignis Fehlgeburt verknüpfen wollen?! Eine wichtige Übung für uns lautet daher, vor allem diese einmaligen und schönen Erinnerungen pflegen und mehr Platz einräumen als den negativen. Auch in Gesprächen mit anderen versuchen wir immer wieder aufzeigen, dass wir auf einen solchen Schicksalsschlag natürlich getrost hätten verzichten können, nicht aber auf alle diese schönen Momente und Erinnerungen, die daraus entstanden sind.

„Habt Ihr Kinder?“

Eine dieser typischen Floskelfragen, die auch ich in der Vergangenheit unbedacht an irgendwelche beiläufigen Bekanntschaften auf irgendwelchen Feiern gestellt habe. So unbedacht wie die Frage nach dem Wetter, dem Familienstand oder dem Job. Als ich diese Frage allerdings das erste Mal nach der Fehlgeburt auf einem Geburtstag gestellt bekam, war ich total überfordert. Zum einen wollte ich den Gesprächspartner mit der Wahrheit nicht überfordern und in eine unangenehme Situation bringen. Zum anderen dachte ich aber, warum sollte ich auf diese fremde Person mehr Rücksicht nehmen als auf mich selbst? Schließlich tut mir der proaktive Umgang ja auch gut?! Schlussendlich verneinte ich, ließ dem Small Talk seinen üblichen Lauf und fühlte mich den gesamten Abend schlecht!

Seitdem beantworte ich diese Frage am liebsten mit der Wahrheit, da ich sonst das Gefühl habe, unsere Geschichte inkl. der beiden Kinder zu verleugnen oder mich gar für etwas zu schämen. Vorausgesetzt die Person gegenüber erscheint mir sympathisch und wenig oberflächlich. Und in den allermeisten Fällen entwickeln sich daraus plötzlich die interessiertesten Gespräche. Vor allem da wir eben auch immer die positiven Aspekte und Erfahrungen resultierend aus der Fehlgeburt hervorheben.

Beitragsbild: Photo by Tessa Rampersad on Unsplash

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